„Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit.“

Mein neunter Geburtstag

Nach dem Text steht eine Zusammenfassung in einfacher Sprache für Menschen mit Aphasie.

Es gibt Geburtstage, an denen man Kerzen zählt.

Und es gibt Geburtstage, an denen man die Jahre zählt, die einem beinahe genommen worden wären.

Heute ist mein neunter Geburtstag.

Nicht der Tag, an dem ich geboren wurde.
Der Tag, an dem mein Leben ein zweites Mal begann.

Vor neun Jahren hatte ich einen Schlaganfall.

Ein Augenblick genügte.

Ein Augenblick, und nichts war mehr selbstverständlich.

Nicht die Bewegung.
Nicht die Erinnerung.
Nicht die Sprache.

Gleichzeitig kam der Krebs.

Als hätte das Leben mir noch einmal zeigen wollen, wie schmal der Weg sein kann, auf dem wir uns bewegen. Wie kostbar jeder Schritt ist. Jeder Gedanke. Jedes Wort.

Seitdem musste ich vieles neu lernen.

Manche Fähigkeiten waren verschwunden. Andere hatten sich versteckt. Einige kamen langsam zurück, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich geduldig genug nach ihnen suche.

Geduld.

Ein einfaches Wort.

Und doch eines der schwersten.


Die Sprache ist zu meiner wichtigsten Aufgabe geworden.

Früher waren Wörter einfach da. Sie kamen, wenn ich sie brauchte. Sie standen mir zur Verfügung, ohne dass ich darüber nachdenken musste.

Heute ist das anders.

Manchmal sehe ich ein Wort beinahe vor mir. Ich weiß, dass es existiert. Ich spüre seine Bedeutung. Es ist nah.

Sehr nah.

Aber ich kann es nicht aussprechen.

Als läge zwischen mir und diesem Wort eine unsichtbare Wand.

Dann brauche ich Ruhe. Zeit. Verständnis.

Manchmal sagen Menschen zu mir:

„Ich verstehe dich nicht.“

Dieser Satz kann wehtun.

Nicht nur, weil etwas unklar geblieben ist. Sondern weil ich oft nicht weiß, welcher Teil nicht verstanden wurde.

War es ein Wort?
War es der Satz?
War es der Gedanke dahinter?

Es würde mir helfen, wenn Menschen genauer nachfragen würden.

Dann könnte ich es noch einmal versuchen. Ein anderes Wort wählen. Den Satz verändern. Einen neuen Weg finden.

Denn Sprache ist nicht nur das, was sofort gelingt.

Sprache ist auch das, was entsteht, wenn zwei Menschen bereit sind, einander wirklich zuzuhören.


Die Logopädie und die Logoschule haben mir dabei sehr geholfen.

Dort durfte ich üben. Lernen. Fehler machen. Neu beginnen.

Ich habe verstanden, dass Sprache sich verändern kann, ohne ihren Wert zu verlieren.

Sie gehört noch immer zu mir.

Vielleicht heute sogar mehr als früher.

Denn jedes Wort, das ich finde, ist nicht mehr nur ein Wort.

Es ist ein Erfolg.



Eine besondere Freude ist für mich die Selbsthilfegruppe „Gemeinsam Stark“.

Dort treffe ich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Jeder bringt seine eigene Geschichte mit. Jeder kennt andere Hindernisse. Andere Verluste. Andere Hoffnungen.

Wir sprechen miteinander.

Wir hören einander zu.

Wir geben uns Mut.

In dieser Gemeinschaft muss ich nicht erklären, warum ein Satz manchmal länger braucht. Warum eine Erinnerung plötzlich fehlt. Warum ein Wort verschwinden kann, obwohl es eben noch da war.

Dort fühle ich mich verstanden.

Angenommen.

Nicht allein.

Und manchmal ist genau das die stärkste Medizin.


Auch das Schreiben ist für mich immer wichtiger geworden.

Beim Schreiben wartet das Papier auf mich.

Es unterbricht mich nicht.

Es wird nicht ungeduldig.

Es sagt nicht: „Ich verstehe dich nicht.“

Ich kann ein Wort suchen. Einen Satz verändern. Einen Gedanken neu zusammensetzen.

Ich kann so lange bleiben, bis das, was in mir ist, eine Form gefunden hat.

Schreiben ist für mich Arbeit.

Aber es ist auch Freude.

Erinnerung.

Ausdruck.

Freiheit.

Im Laufe der Jahre hatte ich viele Ideen. Mit dem Schreiben und mit der Kunst versuche ich, Wörter miteinander zu verbinden.

Dabei frage ich mich nicht nur, ob ein Satz grammatikalisch richtig ist.

Ich frage mich auch:

Trägt er ein Gefühl?
Zeigt er etwas von mir?
Bleibt etwas davon im Menschen zurück, der ihn liest?


Zurzeit arbeite ich an einem Roman.

Er trägt den Titel:

„Die Sprache der verlorenen Stunden“

Es ist eine Geschichte über Sprache.

Über verlorene Zeit.

Und über einen Mord.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Themen zusammengehören.

Denn was geschieht, wenn Worte verschwinden?

Was geschieht, wenn Erinnerungen Lücken bekommen?

Und was bleibt verborgen, wenn niemand mehr sagen kann, was wirklich passiert ist?

Wort für Wort entwickle ich diese Geschichte weiter.

Ich verbinde Figuren miteinander. Ich gebe ihnen Geheimnisse. Ich frage mich, wem sie vertrauen können und wer etwas zu verbergen hat.

Langsam entsteht ein Figurenplot.

Langsam bekommt der Roman ein eigenes Leben.

Diese Arbeit zeigt mir etwas Wichtiges:

Sprache kann verloren gehen.

Aber sie kann auch neu entstehen.

Aus einzelnen Wörtern werden Sätze.

Aus Sätzen werden Figuren.

Aus Figuren wird eine Geschichte.

Und manchmal wird aus einer Geschichte Hoffnung.


Meine Erinnerungen muss ich oft neu zusammensetzen.

Deshalb schreibe ich fast alles auf.

Manchmal vergesse ich etwas von einem Augenblick auf den nächsten.

Dann ist es weg.

Nicht für immer.

Aber für diesen Moment.

Ich darf mich dann nicht unter Druck setzen. Ich muss warten. Vertrauen.

Denn manchmal kehrt eine Fähigkeit plötzlich zurück.

Eine Tätigkeit, die eben noch unmöglich schien, gelingt auf einmal wieder. Ohne langes Nachdenken. Ohne Kampf.

Solche Momente machen mich froh.

Sie zeigen mir, dass nicht alles verloren ist, nur weil es gerade nicht erreichbar scheint.


In Gesprächen mit Psychologen habe ich viel gelernt.

Über mich.

Und manchmal auch über andere Menschen.

Besonders wichtig ist für mich der Umgang mit Wut.

Wut kann laut sein.

Sie kann plötzlich kommen.

Sie kann verlangen, dass man sofort handelt.

Ich habe gelernt, einen Schritt zurückzutreten.

Der Wut einen eigenen Raum zu geben.

Sie wahrzunehmen, ohne ihr sofort zu folgen.

Dann kann sie ruhiger werden.

Nicht immer sofort.

Aber oft.


Viele liebe Menschen begegnen mir offen und freundlich.

Manche sagen:

„Du bist mir sehr sympathisch.“

Diese Worte geben mir Kraft.

Sie zeigen mir, dass ich andere Menschen erreichen kann.

Auch dann, wenn ein Wort fehlt.

Auch dann, wenn ein Satz länger braucht.

Auch dann, wenn Sprache nicht perfekt ist.


Auch die Beziehungen zu meiner Familie haben sich verändert.

Nähe fühlt sich manchmal anders an als früher.

Erwartungen haben sich verschoben. Gewohnheiten sind verloren gegangen. Gemeinsame Wege führen nicht mehr immer in dieselbe Richtung.

Das kann schmerzhaft sein.

Denn Familie besteht nicht nur aus Menschen.

Familie besteht aus Erinnerungen. Gefühlen. Erlebnissen. Hoffnungen.

Sie bleibt ein Teil meines Lebens.

Ein Teil, den ich in meinem Herzen bewahre.

Gleichzeitig lerne ich, dass Beziehungen sich verändern dürfen.

Und dass Loslassen nicht immer Verlust bedeutet.

Manchmal bedeutet es auch Frieden.


Heute bin ich dankbar.

Ich bin froh, meinen neunten Geburtstag nach dem Schlaganfall und nach meiner Krebserkrankung feiern zu können.

Neun Jahre.

Neun Jahre voller Veränderungen.

Neun Jahre voller Suche.

Nach Erinnerungen. Nach Fähigkeiten. Nach Worten.

Aber auch neun Jahre voller Kraft, Ausdauer und Freude.

Achtsamkeit hilft mir, das Schöne bewusster wahrzunehmen.

Und dem Schmerzhaften mit mehr Ruhe zu begegnen.

Deshalb begleitet mich ein Gedanke von Thich Nhat Hanh:

„Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit.
Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.“

Heute zähle ich keine Kerzen.

Heute zähle ich die Wörter, die zurückgekommen sind.

Die Erinnerungen, die geblieben sind.

Und die Geschichten, die noch entstehen werden.

Hier ist eine Zusammenfassung in einfacher Sprache für Menschen mit Aphasie:

Mein neunter Geburtstag

Mein Schlaganfall ist neun Jahre her.

Seitdem ist mein Leben anders.

Auch meine Krebserkrankung hat mich verändert.

Ich habe gelernt:

Das Leben ist kostbar.

Viele Dinge musste ich neu lernen.

Besonders die Sprache ist für mich wichtig.

Manchmal finde ich ein Wort nicht.

Dann brauche ich Zeit, Ruhe und Verständnis.

Es hilft mir, wenn Menschen genau nachfragen.

Die Logopädie und die Logoschule haben mir geholfen.

Auch die Selbsthilfegruppe „Gemeinsam Stark“ gibt mir Kraft.

Dort fühle ich mich verstanden.

Ich bin nicht allein.

Das Schreiben ist für mich sehr wichtig.

Beim Schreiben kann ich mir Zeit nehmen.

Ich kann Wörter suchen und Gedanken festhalten.

Ich schreibe an einem Roman:

„Die Sprache der verlorenen Stunden“.

Das Schreiben macht mir Freude.

Es gibt mir Hoffnung.

Auch Erinnerungen, Wut und Familie haben sich verändert.

Ich lerne, achtsam mit mir umzugehen.

Ich lerne auch, loszulassen.

Heute bin ich dankbar.

Ich feiere meinen neunten Geburtstag nach dem Schlaganfall.

Achtsamkeit hilft mir:

Ich sehe schöne Dinge bewusster.

Ich begegne schweren Dingen mit mehr Ruhe.

Barrierefreies Internet

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung
Nach oben scrollen